Über Berlin Sommer Love
Willkommen bei Berlin Summer Love
Ein Raum für Liebe, Akzeptanz und Kreativität.
Das Buch "Berlin Summer Love" ist überall im Handel erhältlich und verspricht eine fesselnde Geschichte über die erste Liebe und die Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die beiden Hauptakteure Lukas und Amir, die sich während eines unvergesslichen Sommers in Berlin näherkommen. Lukas, ein kreativer und sensibler junger Mann, ist auf der Suche nach seiner Identität und entdeckt durch seine Freundschaft mit Amir neue Facetten des Lebens. Amir hingegen ist der extrovertierte und charmante Typ, der mit seiner lebhaften Art die Herzen anderer im Nu erobert. Gemeinsam erleben sie eine emotionale Reise voller Höhen und Tiefen, Freundschaft und zärtlichen Momenten. "Berlin Summer Love" verspricht, die Leser in die pulsierende Atmosphäre der Stadt zu entführen und die universellen Themen von Liebe und Selbstfindung eindrucksvoll darzustellen.Mit unserem Fokus auf die LGBTQ-Community schaffen wir eine Atmosphäre, die Vielfalt und Kreativität zelebriert.Tausende von Besuchern finden hier einen Ort, wo sie sie selbst sein können und einfach Spaß haben.
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Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
dieser Roman erzählt die Geschichte von Lukas und Amir – zwei junge Männer, die sich in den elektrisierenden Nächten Berlins Hals über Kopf ineinander verlieben. Doch was als leichter Sommerrausch beginnt, entwickelt sich schnell zu einem existentiellen Kampf.
Es ist eine Coming-of-Age-Erzählung über den schmerzhaften Preis der Liebe: den Kampf gegen gesellschaftliche Vorurteile, religiöse Verbote, die erbarmungslose Kontrolle der Familie und die Zerrissenheit der eigenen Identität. Es geht um Verrat und Verzweiflung, aber auch um die bedingungslose Loyalität eines kleinen Bruders und die unerschütterliche Kraft, eine neue Heimat zu finden, wenn die alte dich verstößt.
Ich lade euch ein, Lukas und Amir auf ihrer Reise zu begleiten – von der ersten, stürmischen Begegnung über existenzielle Krisen und den totalen Verlust bis hin zu dem neuen, harten Fundament, das sie sich in den chaotischen Straßen Berlins erkämpfen.
Viel Freude beim Lesen dieses schonungslos ehrlichen Romans.
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„Man kann sein ganzes Leben lang dort bleiben, wo man ist. Oder man kann dort hingehen, wo man eigentlich hingehört.“
— Unbekannte Quelle
„Berlin ist nicht perfekt, aber ehrlich. Und die Wahrheit tut manchmal weh, ist aber besser als jede schöne Lüge.“
— Ein bekanntes Berliner Graffiti (Frei interpretiert)
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Kapitel 0 – Das Lukas-Manifest
Alligatoah – Willst Du
"Komm schieß los, was soll schon passieren?"
Die S-Bahn rollte mit ihrem metallischen Quietschen in den Bahn-hof Warschauer Straße, und ich lehnte am Pfeiler, die Hände in den Hosentaschen. Über mir der Himmel, der schon im Juni diesen schweren, ungeduldigen Berliner Sommer atmete. Berlin war für mich kein Ort, es war ein Dauerrausch. Eine Achterbahnfahrt aus lauten Clubs, Späti-Bier und endlosen Nächten, deren Morgen grauer waren als die Fassaden in Kreuzberg.
Das war mein Mikrokosmos, mein Reich, und ich war sein unge-krönter Chaos-König – ein Spitzname, den mir meine Freunde ver-passt hatten und der, zugegeben, perfekt passte.
Meine Freiheit war der wichtigste Besitz. Unverbindlichkeit war mein Mantra. Beziehungen? Eine komplizierte, veraltete Idee. Meine Affären waren kurz und heftig, emotionale Brandbeschleu-niger, die nach ein paar Wochen verglühten und perfekte Asche hinterließen. Die Clique wechselte ich, wie andere ihre Socken, je nachdem, welche Party gerade angesagt war. Ich war gut vernetzt, kannte die besten Dächer für Sonnenaufgänge und die billigsten Tresen in Neukölln, aber im Grunde war ich ein Einzelgänger. Ich brauchte die Menschenmenge, um mich anonym zu fühlen, nicht um Teil davon zu sein.
Mein bester Freund, Timo, war die einzige Konstante in diesem Chaos-König-Reich. Er akzeptierte meine Regeln, spielte den "Partner in Crime" für jede Party, ohne Fragen zu stellen. Wir stan-den oft auf irgendeinem zugigen Dach, das Bier kalt und die Stadt laut. Einmal, als ich ihm von der letzten Affäre erzählte, die ich mit einer lächerlichen Ausrede beendet hatte, lehnte er sich an die Brüstung und sagte nur: „Lukas, ich bin loyal, das weißt du. Aber irgendwann wird es langweilig, immer nur dabei zuzusehen, wie du kurz vor dem Ziel die Notbremse ziehst. Versuch doch mal, bei einer Sache zu bleiben, nur als Experiment.“ Ich lachte laut, fast zu
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laut. Ein Ratschlag, der nach Bindung roch, konnte nur mit Sabo-tage beantwortet werden. Also beendete ich an diesem Abend noch eine vielversprechende Bekanntschaft in der Bar mit einem zynischen Kommentar, nur um ihm und mir zu beweisen, dass mein Manifest wasserdicht war. Als ich später mit meinem Rad sinnlos durch die Nacht fuhr, fühlte ich mich stark und frei. Aber tiefer, als ich zugab, nagte das Gefühl, gerade einen echten Anker abgeworfen zu haben. Emotionaler Stillstand bedeutete für mich Sicherheit.
Die Asche meiner letzten Affäre mit Clara war kaum kalt, da bat sie um ein Treffen. Wir saßen in einem dieser überfüllten Cafés in Kreuzberg. Ihr Blick war weich, fordernd. „Lukas, es wird langsam ernst, oder? Ich mag dich. Ich mag das Chaos. Aber ich mag auch, wenn es ehrlich ist.“ Ihr Versuch, die Mauer zu durchbrechen, löste in mir nur einen kalten, panischen Reflex aus. Ich braute die per-fekte, zynische Antwort zusammen. Ich zog mein Handy aus der Tasche, öffnete die Datei mit meinen "falschen Ausreden-Notizen" und wählte den Klassiker. „Äh, sorry, Clara, muss Schluss machen. Hatte Magen-Darm, und meine Oma muss dringend zum Arzt, sie... sie ist total verwirrt.“ Sie sah mich an, ungläubig, fast verletzt. „Lu-kas, wir sind hier im Café, wir sehen uns seit zwei Monaten, und deine Oma war gestern noch auf Instagram.“ Ich zuckte mit den Schultern, stach noch einmal zu. Ich nutzte das metallische Quiet-schen der vorbeifahrenden U-Bahn, um meine Flucht zu kaschie-ren. Ich hielt mir das Handy ans Ohr, verzog das Gesicht und schrie übertrieben laut: „WAS?! Ich verstehe dich nicht! Bin gerade im Tunnel, Verbindung bricht ab! Tschüss, MUSS AUFLEGEN!“ Ich riss meine Tasche vom Stuhl und rannte. Ich spürte den Schmerz, den ich verursachte, aber er war ein notwendiger Preis. Emotionaler Stillstand bedeutete für mich Sicherheit
Sexualität? Ich sah mich nicht als schwul oder hetero. Ich war ich. Ich hatte Affären, die kurz und intensiv waren, meistens mit Mäd-chen, aber auch schon mal ein, zwei Jungs waren dabei. Das war alles Erfahrung. Ich hatte sogar schon mal eine wilde Dreierkons-tellation mit einem Mädchen und einem Jungen erlebt Das Label spielte keine Rolle, solange ich danach allein in meinem Bett auf-wachen durfte.
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Mein Stil war meine zweite Rüstung. Ich trug gerne Vintage-Teile, die aussahen, als hätte ich sie zufällig auf einem Flohmarkt gefun-den, kombiniert mit teuren, schlichten Designer-Sneakers. Der Style musste immer lässig und unantastbar sein – ein teurer Schuss Lässigkeit, der signalisierte: Ich bin cool, aber ich strenge mich nicht an. Das Problem: Manchmal war ich so talentfrei, dass die Kombination überhaupt nicht passte. Aber dann, durch puren Zufall, traf ich ins Schwarze und sah verdammt sexy aus.
Mein Souterrain-Safe-Room in Friedrichshain war perfekt. Dort konnte ich meine eigenen Regeln leben, meine Vices zelebrieren. Mein Lieblings-Vice: Ich legte tiefen Techno auf, der im Magen knallte. Ich arbeitete an meinen DJ-Sets, obwohl ich wusste, dass die Übergänge holprig waren. Es war ein Versuch, die Kontrolle über meinen Soundtrack zu haben, weil ich die Kontrolle über meine Gefühle fürchtete. Der Bass half, das ewige Gedankenkarus-sell zu verlangsamen. Manchmal radelte ich zur Warschauer Brü-cke, nur um die Menschenmassen, die Lichter und die unendliche Weite und Anonymität der Stadt aufzusaugen. Ich sah die Pärchen, die knutschten, und fühlte mich innerlich überlegen, weil ich nicht so lächerlich verletzlich war.
Meine Hobbys waren einfach: DJ-Sets auflegen (auch wenn es nur in meiner Bude war, um neue Übergänge zu testen). Ich war völlig untalentiert, die Übergänge waren holprig und die Beats spran-gen, aber es spielte für mich keine Rolle. Es war mein Soundtrack, und darum ging es. Außerdem liebte ich es, mit dem Rad sinnlos durch die Nacht zu cruisen, bis die Lichter verschwammen, und Berliner Street Art fotografieren. Das war mein kreatives Ventil.
Meine Vices waren überschaubar. Ich liebte kaltes Berliner Bier (hartnäckig genug, um mich durch die Nacht zu tragen, aber ohne den bösen Kater von Wodka), rauchte selten Zigaretten, aber ein Joint ab und zu half, das ewige Gedankenkarussell zu verlangsa-men. Musikalisch lief bei mir alles, was Bass hatte: Techno, deep House und experimenteller Deutschrap – Hauptsache, es knallte im Magen.
Meine eigene kleine Souterrain-Wohnung im Haus meiner Eltern in Friedrichshain war mein Rückzugsort, mein Safe Room, den ich mir erkämpft hatte. Dort, mit eigenem Eingang und eigenem Bad,
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war ich komplett für mich – und meine Eltern dachten, solange ich nicht komplett abstürzte, könnten sie mich ignorieren. Ein perfek-tes Arrangement.
Gerade hatte ich das Abitur in der Tasche, mit Noten, die überra-schend gut waren für jemanden, dessen Anwesenheit in der Schule eher optional war. Meine Zukunft? Völlig offen. Durch die Welt reisen? Klar, wäre schön. Aber die Wahrheit war: Ich liebte Berlin, diesen rauen, ehrlichen Dreck, zu sehr. Meine Stadt gab mir Sicherheit in ihrer unendlichen Weite und Anonymität.
Meine Lieblingsorte waren alles, was nach Freiheit schrie: Die Treppen am Spreeufer in Kreuzberg (perfekt für Sonnenunter-gänge), die Ruinen im Volkspark Friedrichshain und natürlich die Warschauer Brücke (das Tor zum Chaos).
Hier sind ein paar Fakten über mich, die du wissen musst:
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Verrückter Fakt 1: Ich kann perfekt die Fahrgeräusche der U-Bahn imitieren. Ich nutze das manchmal, um Gespräche zu beenden, indem ich so tue, als würde ich gerade in den Tunnel einfahren.
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Verrückter Fakt 2: Ich habe noch nie ein Netflix-Abo beses-sen. Ich finde es cooler, einfach Leute zu fragen, was sie ge-rade schauen, und mir dann eine viertelstündige, passio-nierte Zusammenfassung anzuhören.
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Verrückter Fakt 3: Wenn ich in der Schlange vor dem Berg-hain stand, hatte ich immer eine Ersatz-Socke in der Ta-sche. Warum? Weil man immer einen Backup-Plan braucht. Und weil es Berlin ist. Man ist auf alles vorbereitet.
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Der Unsympathische Fakt, den ich liebe: Ich besitze einen Stapel falscher Ausreden-Notizen ("Hatte Magen-Darm," "Oma muss zum Arzt," etc.), die ich in meinem Handy spei-chere. Wenn mich jemand nach Hilfe fragt oder etwas Un-bequemes verlangt, ziehe ich eine Ausrede, ohne mit der Wimper zu zucken. Es macht mich effizient und frei. Dieser kleine Funken egoistischer Kälte macht mich in meiner Cli-que stark und ist vielleicht genau der Grund, warum du wissen willst, ob unter dieser Fassade noch etwas Mensch-liches steckt.
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Ich stand da, mit diesem Grinsen, dieser Gewissheit, dass ich mein Leben im Griff hatte – perfekt ausbalanciert zwischen Nähe und Abstand. Bis zu diesem Sommer war ich überzeugt, dass ich einen Typen wie Amir – diesen eleganten, tiefgründigen, wunderschö-nen, aber offensichtlich verdammt komplizierten Typen – niemals brauchen würde. Ich hatte das Chaos schon. Das letzte, was ich brauchte, war eine Katastrophe, die mein gesamtes System sprengt. Aber dann kam der Müggelsee. Und plötzlich war mein Manifest nur noch Papier
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Kapitel 1 – Die Party
Fritz Kalkbrenner – Sky and Sand
"We are all alone, fighting in a desperate land."
Berlin im Sommer ist wie ein Dauerrausch. Es ist ein Versprechen, das an jeder Ecke eingelöst wird, eine ungeschriebene Einladung, die eigene Existenz für ein paar Monate auf Pause zu stellen. Die Hitze legt sich auf den Asphalt und die Menschen reagieren darauf, indem sie jede Regel brechen, die nicht niet- und nagelfest ist. Die Stadt schläft nie, und wenn doch, dann nur kurz, bevor jemand wieder eine Box aufdreht und eine WhatsApp-Gruppe schreit: „Alle raus, wir feiern!“. Für mich war das perfekt. Ich war kein Student, der seine Masterarbeit schreiben musste, kein Typ, der morgens um sieben im Büro antanzen musste. Mein Leben war ein einziger, improvisierter Freistil-Tanz. Ich liebte dieses Chaos, diese Freiheit. Es war mein Element, mein persönliches, ungeschriebenes Berlin-Manifest. Ich war achtzehn, und gefühlt kannte ich halb Berlin – oder zumindest die Leute, die man kennen muss, um nie allein zu Hause zu sitzen. Mein Kleidungsstil war so spontan wie mein Terminkalender: ein Band-Shirt, das ich vor einem Jahr auf dem Flohmarkt geklaut hatte, abgewetzte Jeans, die Löcher hatten, weil sie Löcher haben mussten, nicht weil ich arm war. Ich hatte diese Art von lässiger, fast arroganter Berliner Coolness, die nicht vorgab, perfekt zu sein. Ich sah aus, als wäre ich gerade aus einem verrauchten Underground-Club gefallen und hätte entschieden, heute einfach am See weiterzumachen. Meine Haare fielen mir leichtsträhnig ins Gesicht, ich roch nach einer Mischung aus billigem Duschgel, Sommerhitze und dem Bier, das ich schon getrunken hatte. Ich war der Chaos-König meiner eigenen Welt, der Typ, der überall auftauchte und genauso schnell wieder verschwand, der mit einem High-Five und einem „Was geht?" in jede Clique hineinplatzte. Die Anonymität der Metropole war meine Leinwand, und die Freiheit, die sie bot, mein Atem. Diese Stadt ist mein Anker, aber nicht, weil sie Sicherheit bietet, sondern weil sie es erlaubt, dass man sich jeden Tag neu erfindet. Berlin ist ein Ort, an dem man seine Biografie einfach zerreißen und neu schreiben kann. Niemand fragt
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nach deinem Hintergrund, nach deiner Familie, nach deinen Plänen. Hier zählt nur: Bist du jetzt, in diesem Moment, dabei?
Wobei ich die Anonymität nur außerhalb der Haustür so extrem lebte. Meine Basis war das Haus meiner Eltern. Ich hatte dort schon eine kleine eigene Wohnung im Keller– komplett separat, mit eigenem Bad und einer Mini-Küche. Das gab mir die Freiheit, die ich brauchte, ohne völlig auf mich allein gestellt zu sein. Mein Vater arbeitete im mittleren Management in einer großen Berliner Firma und war gut vernetzt. Er war ein eher konservativer Typ, was Ordnung und Disziplin anging, aber er war letztlich doch recht offen, was meine Freiheit anging. Solange die Schulnoten nicht komplett in den Keller sackten und ich mich an die wichtigsten Regeln hielt, ließ er mich ziehen. Seine Devise war: „Lerne, deine Freiheit zu managen.“ Meine Mutter arbeitete halbtags in derselben Firma wie mein Vater. Sie war zwar meistens der Meinung meines Vaters, aber im Herzen war sie deutlich offener für die Verrücktheiten des Lebens und meine spontanen Aktionen. Von Amirs Familie wusste ich zu diesem Zeitpunkt absolut nichts – die waren eine unbekannte Größe in der Gleichung.
An diesem Freitag ging's zum Müggelsee. Für mich fast ein zweites Zuhause im Sommer. Es ist der Ort, an dem sich die gesamte städtische Anspannung in pure, laute Ekstase entlädt. Nirgendwo fühlt sich Berlin so nach Urlaub an wie da: Wasser, Sand, Wald drumherum – und dazu die halbe Stadt, die ihre Lautsprecher und Bierkästen anschleppt. Die Party am See ist ein Ritual, eine Notwendigkeit. Es ist der ultimative Trotz gegen jede Ordnung, eine kollektive Kapitulation vor der Vernunft. Offiziell darf man da nachts keine Party machen, aber wen juckt das schon? Die Polizei kam eh nie durch den Wald bis hierher. Wir kamen spät, wie immer. Die Sonne war schon weg, nur noch ein roter Rest hing am Himmel, die ersten Sterne kämpften sich durch die Berliner Lichtglocke. Am Ufer flackerten schon zwei Lagerfeuer, rundherum lagen Decken, Bierflaschen, Menschen in allen möglichen Zuständen von „angetrunken" bis „komplett durch". Die Musik dröhnte von überall, Deutschrap gegen Techno gegen 2000er-Pop wie ein wilder Radiosender, der alle Frequenzen gleichzeitig abspielt. Ich war sofort in meinem Element. Ich kann diese Nächte nicht erklären – ich stürze mich einfach rein. Überall Gesichter, die ich kenne, hier ein
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High-Five, dort eine Umarmung, dazwischen kleine Gespräche, die man sofort wieder vergisst. Ich war schon angetrunken, bevor ich den Sand unter meinen Schuhen hatte. Das Gefühl, dass alles möglich ist. Dass niemand morgen an Schule oder Arbeit denkt, sondern nur an jetzt. Reine, ungefilterte Gegenwart.
Und dann sah ich ihn. Amir. Ich schwöre, Amir war einer von diesen Typen, die man nicht übersehen kann. Groß, sportlich, mit einer Haltung, die fast zu korrekt für eine Strandparty war. Seine Kleidung war einfach – ein dunkles, gutsitzendes T-Shirt, saubere, helle Shorts –, aber es wirkte, als hätte er es nicht zufällig angezogen. Es war die Art von Understatement, die auf Details achtet. Sein Haar war schwarz und dicht, so geschnitten, dass es ihm nicht in die Stirn fiel, selbst wenn er lachte. Und dieses Lachen: Es war nicht das laute, ungesteuerte Johlen, das man am Müggelsee erwartete. Es war ein Kichern mit Tiefe, das seine markanten, dunklen Augen zum Funkeln brachte. Diese Augen! Sie waren sein auffälligstes Merkmal, dunkel, fast schwarz, und sie wirkten, als hätten sie ständig so einen geheimen Witz im Kopf, den nur er kennt. Wenn er sie aufschlug, hatte man das Gefühl, er blicke nicht auf dich, sondern durch dich hindurch. Seine Kieferpartie war scharf, markant, und gab seinem Gesicht einen fast zu perfekten, skulpturalen Zug. Er strahlte dieses stille, unbestreitbare Selbstbewusstsein aus. Man sah ihm an, dass er nicht nur an diesem Strand war, sondern irgendwo anders mit seinen Gedanken, als würde er hier eine Rolle spielen. Er war so verdammt attraktiv, es war fast lächerlich – nicht nur Mädchenschwarm, sondern eine Art ästhetisches Naturgesetz, das mich mit einer ungesunden Intensität anzog. Er saß inmitten einer Gruppe Mädels auf einer Decke, alle top gestylt für den See, als wäre das hier ein Shooting für irgendein Festival. Sie lachten über jeden seiner Sprüche, stupsten ihn an, hingen an seinen Lippen. Und Amir? Der genoss es. Dieses selbstsichere Lächeln, dieses Zurücklehnen, als gehöre die Welt ihm.
Ich hatte nie wirklich mit ihm gesprochen. Wir bewegten uns in unterschiedlichen Kreisen. Ich war der Typ, der überall ein bisschen dabei war. Amir dagegen – der hatte seinen Platz. Er war beliebt, aber auf eine andere Art. Jungs mochten ihn weniger, Mädchen dafür umso mehr. Konkurrenzdenken, klar. Ich hatte ihn öfter auf Partys gesehen, aber nie mit einem Mädchen länger als zwei Wochen.
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Vielleicht wollte er einfach niemandem gehören. Vielleicht brauchte er die Freiheit genauso wie ich, nur suchte er sie nicht im lauten, sondern im kontrollierten Rückzug.
Während ich mit meinen Kumpels Richtung Feuer zog, konnte ich nicht verhindern, dass meine Augen immer wieder zu ihm rüber wanderten. Ich wusste selbst nicht warum. Vielleicht, weil er da so saß, mitten im Getümmel, und trotzdem rausstach, als hätte er eine unsichtbare Membran zwischen sich und dem Lärm der Party gezogen. Irgendwann stand ich näher am Feuer, tanzte ein bisschen, stolperte lachend und merkte erst dann, dass ich Amir direkt gegenüberstand. Er hatte sich von seinem Mädchenrudel gelöst – keine Ahnung, ob bewusst oder nur zufällig. Aber plötzlich war er da. Nur er, mit einer Wodkaflasche in der Hand, die Glut des Feuers spiegelte sich in seinen Augen. Wir sahen uns kurz an. Ein Blick, der länger dauerte, als er sollte. Ich spürte, wie mir der Alkohol ins Gesicht stieg. Dann grinste er. Dieses typische Amir-Grinsen. „Alles klar bei dir?" fragte er. Locker. Selbstverständlich. Als hätten wir schon tausendmal miteinander gequatscht. Ich lachte, vielleicht zu laut. „Na klar, bester Abend ever". Es war nicht mein souveränster Satz, aber Amir reagierte nicht mit Spott. Stattdessen hob er die Wodkaflasche und hielt sie mir hin. Ich nahm sie, obwohl ich Wodka eigentlich verabscheue. Aber in dem Moment? Egal. Wir redeten. Erst oberflächlich, über die Musik, die Polizei, den Sommer. Dann wurde es... intensiver. Nicht, was die Themen anging, sondern wie wir redeten. Er hörte zu, lachte an den richtigen Stellen, und ich merkte, dass ich ihm näherkam, ohne es zu planen. Um uns herum tobte die Party weiter – aber plötzlich fühlte es sich an, als wären wir in einer eigenen kleinen Blase. Als würde die Musik leiser, die Leute unscharf. Nur noch er und ich. In diesem Moment des städtischen Rausches, in dieser durchzechten Sommernacht, in der Berlin uns unsere maximale Freiheit versprach, fand ich den Anker, den ich nie gesucht hatte. Ich war der Chaos-König, der nur die Oberfläche kannte, und Amir war das Geheimnis, das ich plötzlich ergründen wollte. Und genau da begann etwas, das ich nicht mehr kontrollieren konnte. Wir redeten- und irgendwie redeten wir nicht. Es waren mehr Fetzen, Worte, die im Lärm untergingen, aber trotzdem bei mir hängen blieben. Er erzählte mir irgendwas von seinem Studium, das im Herbst in München anfangen sollte. Ich
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hörte wahrscheinlich nur die Hälfte, nickte aber so, als würde ich jedes Detail speichern. Und ich erzählte von meinem letzten Clubbesuch, von verrückten Nächten in Friedrichshain, von meiner Schwester, die mich manchmal für den größten Vollidioten hält. Er grinste dabei so, dass ich innerlich schwor, ich könnte stundenlang weiterlabern, nur um dieses Grinsen zu sehen. Währenddessen saßen wir irgendwann auf einer Decke, die irgendwer zurückgelassen hatte. Der Sand klebte an meinen Knöcheln, die Luft roch nach Rauch und billigem Bier. Ich spürte die Wärme des Feuers von der Seite und die Wärme von Amir direkt neben mir. Er war nah. Nicht zu nah, noch nicht. Aber nah genug, dass unsere Schultern sich manchmal berührten, wenn ich mich bewegte. Jedes Mal durchzuckte mich ein komisches Gefühl, das ich sofort wegschob: „Alkohol. Alles nur Alkohol." Ich tat so, als würde ich es nicht bemerken, aber innerlich brannte es wie ein kleiner Stromschlag. Um uns herum kippte die Party langsam ins Chaotische. Jemand kotzte ein paar Meter weiter in die Büsche, was sofort mit „Ooooh"-Rufen kommentiert wurde. Andere grölten Lieder, die niemand kannte, tanzten im Sand, stolperten ins Wasser. Aber für mich war das alles wie ein Hintergrundrauschen. Meine Aufmerksamkeit klebte an Amir. Er legte sich irgendwann zurück, stützte sich auf die Ellbogen und schaute ins Dunkle. „Krass, wie groß der See wirkt nachts", murmelte er, mehr zu sich als zu mir. Ich sah ihn an. Die Konturen seines Gesichts, im Licht des Feuers und mit der Spiegelung vom Wasser, wirkten fast zu perfekt. Ich erwischte mich dabei, wie ich länger hinsah, als es normal wäre. Und als er den Kopf wieder drehte, trafen sich unsere Blicke. Keine Ahnung, wie lange das dauerte. Vielleicht eine Sekunde, vielleicht eine Minute. „Willst du noch 'n Schluck?" fragte er schließlich und hielt mir die Flasche hin. Ich nahm sie, trank, obwohl ich schon wusste, dass mir morgen der Kopf explodieren würde. Und während ich den Flaschenhals absetzte, blieb sein Blick an mir hängen. Direkt. Offen. Kein Ausweichen. Mein Herz raste plötzlich schneller. Ich wollte was sagen, irgendeinen dummen Spruch machen, um die Spannung zu brechen. Aber meine Stimme blieb stecken. Dann beugte er sich ein Stück vor. Langsam. Nicht viel. Gerade so, dass ich es merkte. Und ich weiß nicht mehr, wer von uns zuerst den letzten halben Zentimeter überwunden hat. Plötzlich waren seine Lippen an meinen. Warm. Zögerlich. Überraschend weich. Ein Schockmoment - und
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gleichzeitig fühlte es sich an, als wäre es die logischste Sache der Welt. Wir hielten inne, nur kurz, als würden wir beide prüfen, ob das gerade wirklich passiert. Dann war es egal. Er zog mich näher, ich zog ihn näher, und alles verschwamm. Hände, Atem, Herzklopfen. Meine Gedanken rasten: Was zur Hölle passiert, hier? und gleichzeitig: Bitte hör nie auf. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging. Ob es Minuten waren oder Stunden. Wir lachten zwischendurch, flüsterten Dinge, die ich am nächsten Morgen nicht mehr wusste. Alles war wie in Watte gepackt, verschwommen, überlagert vom Rausch. Irgendwann entfernten wir uns vom Feuer, stolperten lachend durch den Sand, hielten uns fest, küssten uns wieder, hielten an, um weiterzuknutschen, als gäbe es kein Morgen. Und irgendwann gab es kein Zurück mehr. Die Nacht endete verschwommen, wie durch eine beschlagene Scheibe gesehen. Ich erinnere mich nur an Wärme, an Haut, an dieses Gefühl, dass plötzlich nichts anderes mehr existierte außer wir zwei. Und dann - Blackout. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag Amir neben mir. Halb zugedeckt, halb nackt, das Gesicht entspannt im Schlaf. Mein Herz setzte kurz aus. Mein Kopf hämmerte. Und mein erster Gedanke war: Scheiße!